Ein Zimmer voller Musik

Setting: Besuch bei den Eltern. Thema: Disruption. Reaktion: Unverständnis.

Ich war bei meinen lieben Eltern zu Besuch. Wir saßen auf der neu verlegten Terrasse im Schatten. Die harmonische Stille und belanglosen Gespräche wurden unterbrochen durch ein Themenwechsel, der sich Zurschaustellung des Generationsunterschieds herausputzte: Digitalisierung.

Dabei fing es mit harmlosen Tratsch an: Meine Mutter berichtete von einer ihrer Freundinnen und deren Mann, der wohl leider seine Arbeitsstelle aufgrund einer Kündigung verloren hatte. Es wäre keine gute Zeit um sich selbstständig zu machen, meinte Sie. Dabei wusste Sie bereits von meinen Plänen, ein Start-Up zu gründen. Nächste Woche wollte ich die Kündigung einreichen. Cleveres Timing, Mutter. Meine Nachfrage in welcher Branche er tätig wäre, brachte uns nun zum vermeintlichen Paradigmenwechsel. Er war in einer Gießerei tätig.

Ich winkte ab, nahm den Staffelstab meiner Mutter auf und erhellte meine Eltern mit meiner Sicht auf die Dinge und meiner Vermutung, warum es möglicherweise zur betriebsbedingten Kündigung kam. Ich mochte am konkreten Beispiel kundtun, wie ich diese Situation zukünftig in meiner Unternehmung wertvoll einsetzen möchte.

Begonnen habe ich meine Ausführung mit den Worten: „Mutter, merke Dir das folgende Wort gut, Du wirst es nun öfter hören: Disruption“. Die Nachfrage, wie es denn nun konkret geschrieben wird und ob es was mit „Distribution“ (eines der Wörter, welches Sie bei meinem Vater hatte aufgeschnappt) zu tun hatten, lenkten ab von der Unsicherheit, was jetzt folgen mag.

Ich schilderte also meine Vermutung, aufgrund dessen der gute Mann nicht weiter beschäftigt werden konnte: Disruption. Heutzutage werden kaum noch Metallteile tatsächlich gegossen und wenn doch, dann mithilfe von 3D Druck. Neben Pressen und ähnlichen Herstellungsverfahren ist es in der Industrie bereits Standard, dass man Metalle oder zumindest die negativen Sandformen druckt. Ich bekam merkwürdige und zugleich neugierige Blicke (diese eher von meinem Vater) zugeworfen. Ich bin der Meinung, eines der Gründe für den Wegfall des Arbeitsplatzes könnte es sein, sich zu lange auf ein bestehendes Geschäftsmodell ausgeruht zu haben. Wie ein Bäcker seine Brötchen wie jeden Morgen auch aufs Gleiche bäckt, wurde hier jeden Tag auf gleiche Art und Weise Metall verarbeitet. Die Industrie und der Markt allerdings haben sich effizienter entwickelt, nämlich zum (Metall-) 3D Druck. Es wurde scheinbar verschlafen „mit der Zeit“ zu gehen. Digitale Prozesse lösen altbewährte Verfahren ab. Kurzum: Disruption.

Apropos Effizienz: Mein Beispiel der Musikindustrie und damit einhergehender Disruption durch Apple, brachte interessante Vergleiche zum Vorschein. Unumstritten revolutionierte Apple durch iPod und iTunes die Art, wie wir Musik konsumieren: rein digital. Wenige würden noch CDs kaufen, meinte ich. Streaming sei viel effizienter, war mein Nachsatz dazu. Darauf folgte die Ansicht einer Generation, die Musik eben noch zurückspulen musste:

„Ich würde lieber mein Haus etwas größer bauen, mit einem zusätzlichen Raum, um mir alle gekauften Musik-CDs da rein zu stellen, ehe ich monatlich für etwas bezahle, was ich nicht besitze.“

Harte Worte für einen Digitalisierungs-Fan wie mich. Kommen wir also zur Frage der Effizienz und dem disruptiven Grund des Erfolgs von Streaming gegenüber klassischen Musikmedien. Folgendes Szenario inszenierte ich also: Mutter, stelle Dir vor du möchtest Lieder eines bestimmten Künstlers hören. Folgendes würdest Du machen müssen: Du gehst in dein Musik-Zimmer, durchsuchst das hoffentlich alphabetisch sortierte Regal nach CDs des Künstlers, suchst Dir das entsprechende Album heraus (oder besser alle, da Du alle seiner Alben magst), hoffst, dass die CDs in ihren korrekten Hüllen sitzen, hoffst, dass sie intakt sind. Mit den CDs ohne Kratzer gehst Du zur Stereoanlage im Wohnzimmer, musst dich für ein Album entscheiden und wählst den Titel, den Du gern hören magst.

Ich dagegen sitze auf meiner Couch und sage: Hey Alexa, spiele Lieder von Künstler.

Disruption.